Morbus Fabry (ICD-10 E75.2)
Fabry-Krankheit, Fabry-Syndrom, Fabry-Anderson-Krankheit, angiokeratoma corporis diffusum, alpha-galactosidase A deficiency, Fabry's disease, GLA deficiency, hereditary dystopic lipidosis
Historie
- Bennant nach dem deutschen Dermatologen Johannes Fabry (1860-1930)
- Unabhängige Erstbeschreibung durch Johannes Fabry (1898) und dem englischen Chirurgen William Anderson (1842-1900) ebenfalls im Jahr 18982
Epidemiologie
Inzidenz
- Männer: Ca. 1:50.0001
- Männer sind typsicherweise früher und schwerer betroffen
Frauen:
- Inzidenz unbekannt
- Späteres Erkrankungsalter
- Meist mildere Ausprägung, sehr variables Bild. Gel. schsere Ausprägung wie bei Männern
Zweithäufigste Lipidspeicherkrankheit
Genetik
- Erbgang: X-chromosomal
- Genort: Xq22.1.Betroffenenes Gen: GLA-Gen
- Omim Datenbank 300644
- >900 Mutationen des Enzyms bei Morbus Fabry beschrieben (Fabry Database)
Pathophysiologie
- Enzymdefekt: Mangel oder Fehlen von Alpha-Galaktosidase A (Enzym, das Glykosphingolipiden abbaut)
- Substratakkumulation: Verminderter Abbau von Glykosphingolipiden(Globotriaosylceramid (Gb3) und deacylierter Form (Lyso-Gb3))
- Gewebebefall:
- Gefäßsystem: Endothel und galtte Muskelzellen der kleinen und großen Gefäße
- Nervensystem: Peripheres und zentrales Nervensystem (Schwann-Zellen, Ganglien der Hinterwurzeln, cerebrale Neurone, sensible A-Delta und C-Fasern )
- Organe: Kardiomyozyten, renale Zellen
Symptome
Neurologische Manifestation: (Früh- und Leitsymptome)
Neuropathische Schmerzen & "Fabry-Krisen"
- Beginn der Symptomatik häufig in der Kindheit (3-15 LJ)
- Auftreten episodisch, selten permanent
- Symptomatik:
- Akroparästhesien: Brennende, paroxysmale Schmerzen, distanl, an Händen und Füßen
- Hyperalgesie, Allodynie
- Auch dauerhafte Schmerzen
- Auftreten auch am ganzen Körper, Nacken- oder Kopfschmerzen
- Fabry-Krisen: Anfallsartige Schmerzkrisen über Stunden bis Tage
- Trigger: Auslösung/Verstärkung durch Temperaturveränderungen (Hitze/Kälte), Fieber, körperliche Anstrengung, Stress oder bestimmte Nahrungsmittel.
Autonome Neuropathie
- Störung der Schweißsekretion: Vorwiegend Hypohidrose oder Anhidrose, selten Hyperhidrose
- Thermoregulationsstörung: Ausgeprägte Hitze- und Kälteintoleranz
- Gastrointestinale Dysfunktion: Postprandiale Abdominalschmerzen, Blähungen, Übelkeit, wechselnde Diarrhöen oder Obstipation (oft verwechselt mit Reizdarmsyndrom).
Zentrales Nervensystem (ZNS)
- Zerebrovaskuläre Ereignisse:
- Transitorische Ischämische Attacken (TIA) und ischämische Schlaganfälle schon in jungem Alter (< 55 Jahre)
- Ursache für ca. 2–5 % der kryptogenen Schlaganfälle bei Jüngeren
- Prädilektionsstelle: Vertebrobasiläres Stromgebiet / Posteriorstromgebiet (häufig Hirnstammsymptome)
- Mikroangiopathie / White Matter Lesions (WML): Frühzeitige, progressive Läsionen der weißen Substanz (periventrikulär, Centrum semiovale; differentialdiagnostisch oft als Multiple Sklerose fehlinterpretiert).
Hautmanifestation
- Angiokeratomatose (>80% der Patienten)
- Stecknadelkopfgroße rötlich-schwärzliche Effloreszenzen (im Verlauf bis 10mm)
- Hände (insb. Finger) und Füße
- Periumbilikal
- Gesäß, Oberschenkel
- Gel. Schleimhäute, Lippen
- Konjunktiven
- Subepidermale Teleangiektasien
- Teleangieektasien
- Lymphoedeme
Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Symptomatik
- Tinntius
- Hörstörung mit Hörstürzen, sensorineurale Hörminderung bis Hörverlust (5-30%)
- Vestibularisaffektion
- Schwank- oder Drehschwindel
Psychische Manifestation
- Affektive und/oder kognitive Störungen
- Depression
- Konzentrationsstörungen, reduzierte Aufmerksamkeit
Internistische Manifestation
- Niere:
- Progressive Nephropathie mit Mikroalbuminurie/Proteinurie und fortschreitender Niereninsuffizienz (Dialysepflichtigkeit)
- Gastrointestinale Beschwerden
- insbesondere nach Mahlzeiten auftretend
- Schmerzen
- Diarrhoe oder Obstipation
- Kardial
- Hypertrophe Kardiomyopathie
- Linksventrikuläre Hypertrophie
- Intramyokardiale Fibrose
- Angina pectoris, Myokardinfarkt
- Herzrhythmusstörungen
- Reduzierte Herzfrequenzvariabilität (gel. bereits bei Kindern nachweisbar)
Ophthalmologische Manifestation
- Cornea verticillata/Vortexkeratopathie
- Wirbelförmige Trübung der Hornhaut
- 40-90% der Patienten
- Tortuositas vasorum
- Schlängelung der Augengefäße der Retina und Konjuktiva
- Katarakt
- Anteriore Kararakt
- Unspezifisch
- Posteriore, subkapsuläre Katarakt
- „Fabry Katarakt“
- Spezifisch für die Erkrankung
- Anteriore Kararakt
Diagnostik
Neurologische & autonome Diagnostik
- Neurographie
- Sensible und motorische (untere und obere Extremität (CTS häufiger)
- In der Regel normale Neurographie!
- F-Wellen meist normal
- Quantitiativ sensorische Testung
- Messung Temperatur- und Schmerzempfinden
- Kaltdetektionsschwelle erhöht
- Autonome Diagnostik
- Sympathischer Hautreflex
- Gel. reduzierte Amplitude bei normalen Latenzen
- Bei ca. 2/3 nicht auslösbar
- Herzfrequenzvarianzanalyse
- Ninhydrin-Test
- Sympathischer Hautreflex
- Duplexsonographie der extrakraniellen und intrakraniellen Gefäße
- Gefäßektasie der A. basilaris (>2,68 mm)
- Hautstanzbiopsie
- Messung der intraepidermalen Nervenfaserdichte zum Nachweis einer small-fibre Polyneuropathie
Radiologische Diagostik
- Cerebrale MR-Angiographie:
- Ektasie der A. basilaris>Carotis
- MRT-Kopf:
- Erfassung mikroangiopathischer Läsionen der weißen Substanz>graue Substanz (Ca. 50% d.P.)
- Centrum semiovale, posterior periventrikulär
- T2- und FLAIR-Sequenzen
- Ev. Kalzifikationen: Globus pallidus, Pulvinar, Cerebellum
- Intervallkontrollen ca. alle 2 Jahre empfohlen
- Erfassung mikroangiopathischer Läsionen der weißen Substanz>graue Substanz (Ca. 50% d.P.)
- MR-Angiographie:
- Darstellung zerebraler Gefäßektasien (insbes. A. basilaris > 2,68 mm als sensitiver Marker) und Ausschluss von Stenosen/Plaques.
Augenärztliche Untersuchung
- Spaltlampe (Cornea verticillata)
- Konfokale Mikroskopie
- Differenzierung medikamentöse oder Lipidablagerung als Ursache der Hornhauttrübung
- Tortuositas vasorum – Schlängelung der Gefäße der Netzhaut
Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Diagnostik
- Kalorikprüfung
- Audiometrie
Dermatologische Untersuchung
Genetische Diagnostik
Männer
- Bestimmung der ⍺-Galaktosidase A-Aktivität im EDTA-Blut/Leukozyten (Aktivität bei betroffenen Männern meist < 1 %).
- Anschließend Bestätigung durch GLA-Gensequenzierung
Frauen
- Sequenzierung des GLA-Gens zwingend erforderlich
- Molekulargenetische Analyse des alpha-Galaktosidase-A-Gens (GLA) mit Nachweis einer krankheitsverursachenden Genvariante
- Messung der Enzymaktivität ist bei Frauen aufgrund der X-Inaktivierung unzuverlässig (oft normale Werte trotz schwerer Symptome).
Eventuell Nervenbiopsie
-
N. suralis (unmyelinisierte Fasern reduziert)
Labor
- Lyso-Bb3 im Serum
- Wichtiger Biomarker für Enzymmangel
- Erhöht als Zeichen eines unzureichenden Abbaus
- Parameter zur Messung der Krankheitsprogression
- Urin
- „Urinstreifen“
- Proteinurie, Mikroalbuminurie
- GFR, Kreatinin
- „Urinstreifen“
- Nierenwerte
- Serumkreatinin, GFR
- Als Hinweis auf eine Nierenschädigung bei eingeschränkter GFR
- Kardiale Laborwerte
- Troponin T: Chronisch leicht erhöhte Werte (als Zeichen für Untergang von Herzmuskelzellen) ohne akuten Herzinfarkt
- BNP / NT-proBNP: Erhöhte Werte für Herzbelastung als Hinweis auf Fabry-Kardiomyopathie
- Enzymdiagnostik:
- Bestimmung der Aktivität der alpha-Galaktosidase A (AGLA) in Leukozyten
- Methode der Wahl zur Diagnosestellung.
- Bei Männern <1%
- Bei Frauen zur Diagnosesicherung ungeeignet
Internistische Diagnostik
- Herz
- (Belastungs-) EKG
- Echokardiographie
- Kardio-MRT
- 24-Stunden-Blutdruckmessung
- Ultraschall der Nieren und Nierenarterien
Asymptomatische Genträger sollten ca. alle 12 Monate untersucht werden
Therapie - frei zugängliche Inhalte
Hier finden Sie eine allgemein verständliche Übersicht zu den Therapiemöglichkeiten.
Detaillierte fachliche Informationen und Dosierungen stehen im geschützten Fachkreis-Bereich nach Login zur Verfügung.
Enzymersatztherapie (ERT)
- Agalsidase alfa
- Intravenöse Therapie
- Gabe alle 2 Wochen
- Agalsidase beta
- Intravenöse Therapie
- Gabe alle 2 Wochen
- Pegunigalsidase alfa
- Intravenöse Infusion
- Gabe alle 2 Wochen
Chaperontherapie
- Migalastat
- Orales "Kleines Molekül“(small molecule), Bindung an körpereigenes, fehlerhaft gefaltetes Enzym
- Stabilisierung des Enzyms und Transport ins Lysosom, dort Entfernung von Gl-3
- Voraussetzung:
- Wirkung nur bei Vorhandensein des Enzyms
- Nachweis einer dafür geeigneten („amenablen“) Genmutation mittels Gentest
Adjuvante & Symptomatische Neurologische Therapie
Neuropathische Schmerzen:
- Behandlung mit Carbamazepin, Oxcarbazepin, Gabapentin, Pregabalin, Phenytoin; bei akuten Schmerzkrisen
- i.v.-Gabe von Opioiden wie Morphin). Vorsicht bei Medikamenten mit kardialen Nebenwirkungen!
- Schmerz-Trigger-Prophylaxe: Vermeidung von extremen Temperaturschwankungen und Überlastung
Konsequentes Management vaskulärer Risikofaktoren:
- Strikte Nikotinkarenz.
- Strenge Blutdruckeinstellung (systolisch < 130 mmHg)
- Frühzeitige Statingabe (Ziel-LDL <70 mg/dl).
- Sekundärprävention von Schlaganfällen (Thrombozytenaggregationshemmer; orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern)
Selbsthilfegruppe Morbus Fabry
- Morbus Fabry Selbsthilfegruppe e.V.
Brunnenstraße 11
52152 Simmerath
Telefon: 02473/93 76 488
Web: https://fabry-shg.org/
E-Mail: info(at)fabry-shg.de
Quellen und weiterführende Literatur
-
Spada M, Pagliardini S, Yasuda M, Tukel T, Thiagarajan G, Sakuraba H, Ponzone A, Desnick RJ. High incidence of later-onset fabry disease revealed by newborn screening.(PDF open access) Am J Hum Genet. 2006 Jul;79(1):31-40.
-
W. Anderson: A case of "Angeio-keratoma". Br J Dermatol Band 10, 1898, S. 113–117.
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