News aus dem Fachbereich Neurologie

Neurowoche 2022 in Berlin: Aktuelle Highlights Teil I

Unter dem Dach des Berliner CityCubes fand im Rahmen der Neurowoche 2022 vom 1. – 5. November 2022 hybrid der 95. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gemeinsam mit der 47. Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropädiatrie (DGP) und der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN) statt.
Der größte Neurologie-Fachkongress Europas bot über 8.000 Teilnehmenden aus Klinik, Ambulanz und Forschung unter dem Motto  „Netzwerke in der Neurologie“ ein hochkarätiges wissenschaftliches Programm, an dessen Gestaltung auch die Junge Neurologie (JuNo) aktiv beteiligt war.  Wir präsentieren Ihnen einige der Highlights:

Von Christine Thilmann | 07.11.2022

Post-COVID – Fakt oder Fiktion?
Die wichtigste Botschaft der derzeitigen Erkenntnisse zu Post-COVID lässt sich knapp zusammenfassen: Regelmäßige Auffrischungsimpfungen verringern – selbst im Fall von Impfdurchbrüchen - das Risiko, Post-Covid zu bekommen und also auch über einen längeren Zeitraum nach der akuten Infektion noch unter Beschwerden zu leiden, - ausweislich einer Studie von 41,8 %  bei Ungeimpften auf bis zu 16 % bei Dreifach-Geimpften.
Schwierig bleibt jedoch die Diagnosestellung, weil sich das Post-COVID-Syndrom bislang in erster Linie durch die Krankheitssymptome wie Konzentrationsprobleme, Fatigue, Kopfschmerzen und psychiatrische Beschwerden definiert. So beschrieb Prof. Dr. Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Marburg und stellvertretender Präsident der DGN, die Problematik auf der Pressekonferenz der Neurowoche mit den Worten: „Post-COVID ist keine Fiktion, Fakt ist aber: Wir wissen noch immer wenig über die Entstehung und die Ursachen von Post-COVID.(..) Uns fehlen verlässliche Biomarker, und ohne Wissen um die Ursache und die Entstehungsmechanismen kann nicht an kausalen Therapien gearbeitet werden.“ Im Rahmen einer jüngst veröffentlichten Studie aus Essen ergaben sich keine konkreten objektiven pathologischen Befunde, wohl aber Hinweise darauf, dass Frauen mittleren Alters besonders häufig betroffen sind und vorbestehende Somatisierungsstörungen sowie frühere psychische Erkrankungen Risikofaktoren für Post-COVID zu sein scheinen. Gleichwohl sei dies nicht mit einer Psychologisierung der Erkrankung gleichzusetzen, so Prof. Dr. Timmermann, u.a. da zahlreiche Erhebungen – im Gegensatz zur Essener Studie – verschiedene objektive Auffälligkeiten bei Post-COVID-Erkrankten konstatieren: So konnte in Plasmaproben von Long-COVID-Patienten bis zu zwölf Monate nach der akuten Erkrankung das SARS-CoV-2-Spike Protein festgestellt werden; anderen Veröffentlichungen zufolge zeigten sich deutlich reduzierte Cortisol-Spiegel, eine T-Zell-Erschöpfung sowie eine spezielle „Proteom-Signatur“ im Blut von Betroffenen mit Langzeitfolgen. Durch die SARS-CoV-2-Infektion verursachte auffällige Veränderungen im Gehirn belegen schließlich Daten der UK Biobank: cMRT-Befunde vor und nach Covid-19 bei denselben Personen zeigen im Längsschnitt nach zwischenzeitlicher Infektion einen Rückgang der grauen Substanz im orbitofrontalen Kortex und in der parahippocampalen Region.

ME/CFS: Forderung nach groß angelegten, interdisziplinären Verbundforschungsprojekten
Fatigue, Schmerzen, Schlaf- und/oder Gedächtnisstörungen, - das Beschwerdebild der Myalgischen Enzephalomyelitis/„Chronic Fatigue Syndrom“ (ME/CFS) ist heterogen. Über Ursachen und Entstehungsmechanismen dieser - klinisch in das Spektrum der Neurologie einzuordnenden - Erkrankung ist wenig bekannt: Als Auslöser wird teilweise eine vorangegangene Virusinfektion vermutet. Es gibt jedoch weder eindeutige Biomarker noch evidenzbasierte Therapien, oft aber vorbestehende neuropsychiatrische Erkrankungen sowie zahlreiche Überlappungen mit Erkrankungen insbesondere aus der Rheumatologie, Endokrinologie, Infektiologie und Gastroenterologie. „Diese Schwierigkeiten sind aber letztlich kein Grund, an der Existenz der Erkrankung zu zweifeln, - auch wenn es natürlich eine extreme wissenschaftliche Herausforderung ist, eine solch heterogene und nicht klar abgrenzbare Erkrankung zu erforschen“, erklärte Prof. Dr. Harald Prüß, Direktor der Klinik für experimentelle Neurologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Sprecher der DGN-Kommission „Neuroimmunologie“, im Rahmen der Pressekonferenz der Neurowoche. Die DGN fordere daher groß angelegte, interdisziplinäre ME/CFS-Verbundforschungsprojekte, um systematische Grundlagen- und Therapieforschung betreiben zu können, wofür die Politik – entsprechend ihrem Versprechen im Koalitionsvertrag von 2021 – die Mittel bereit stellen möge. Um dem Leidensdruck und der Verzweiflung Betroffener abzuhelfen, werden vielerorts bereits Therapiestudien aufgelegt, wie z.B. die von Prof. Prüß im Verbund mit anderen Fachdisziplinen durchgeführte Studie zur Immunadsorption bei ME/CFS und Post-COVID-Fatigue. Ausgehend von der Hypothese, dass die Erkrankung autoantikörpervermittelt ist, werden hier mittels einer speziellen maschinellen Blutwäsche Autoantikörper aus dem Blut der Betroffenen gefiltert und gleichzeitig Auffälligkeiten im Blut oder in der Bildgebung gesucht. Daneben laufen deutschlandweit auch Studien zu anderen Therapien beispielsweise mit Immuntherapien, Steroiden und Antipsychotika. Eine vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ausgesprochene Empfehlung zu gesteigerter Aktivierungstherapie (GET) und kognitiver Verhaltenstherapie als Behandlungsoption werde von Betroffenen oft abgelehnt, weil sie ihre Erkrankung als psychisch missverstanden sähen, könne ihnen aber helfen, besser mit der Erkrankung zu leben und damit auch ihre Lebensqualität zu verbessern, so Prof. Prüß.

Neue Migräne-Leitlinie der DGN und DMKG: neue Substanzklassen, Stimulationsverfahren und Apps

Kurz vor ihrer Publikation steht die aktualisierte S1-Leitlinie zur „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, die von der DGN und der DMKG unter Beteiligung der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG) herausgegeben wird. Über ihre wichtigsten Punkte berichtete einer der federführenden Leitlinienautoren, Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen, im Rahmen der Pressekonferenz der Neurowoche. Zusammen mit den Leitlinienautoren PD Dr. Stefanie Förderreuther, München, und Prof. Dr. Peter Kropp, Rostock, sowie weiteren 31 Ko-Autoren hat er die vorhergehenden Leitlinienversion aus dem Jahr 2018 grundlegend überarbeitet. Die neue Leitlinie geht auf die medikamentöse und die nicht-medikamentöse Therapie ebenso ein wie auf psychotherapeutische Verfahren, enthält Empfehlungen zur Migräneprophylaxe, berücksichtigt aktuelle Entwicklungen u.a. in Form der Zulassung neuer Substanzen und enthält Hinweise zu unterstützenden Maßnahmen durch Smartphone-Apps und telemedizinische Angebote.

Zugelassen, wenngleich auf dem deutschen Markt noch nicht eingeführt wurden zur medikamentösen Migräne-Akutbehandlung Substanzen aus den neuen Substanzgruppen der Gepante (Rimegepant) und Ditane (Lasmiditan). Diese voraussichtlich zunächst hochpreisigen Medikamente kommen in Betracht, wenn klassische Schmerzmittel oder Triptane nicht ausreichend wirken oder kontraindiziert sind. Rimegepant wirkt - wie die bereits seit vier Jahren zur Migräneprophylaxe zugelassenen monoklonalen Antikörper - spezifisch am CGRP-Rezeptor und kann nicht nur für die Akutbehandlung, sondern oral (alle zwei Tage eine Tablette) auch prophylaktisch eingesetzt werden.

Bei häufigen Migräneattacken und zur Vorbeugung einer Chronifizierung durch den Übergebrauch von Akutmedikamenten empfiehlt sich eine Migräneprophylaxe. Hierfür stehen neben den klassischen Substanzen wie Betablockern, Topiramat, etc. seit 2018 die spezifischen monoklonalen Antikörper gegen CGRP bzw. seinen Rezeptor (Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab sowie neuerdings Eptinezumab) zur Verfügung, die bei Therapieresistenz, Kontraindikation oder Unverträglichkeit gegenüber den klassischen Prophylaxe-Medikamenten zum Einsatz kommen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern können. In diesem Zusammenhang erklärte PD Dr. Charly Gaul, Frankfurt, Generalsekretär und Pressesprecher der DMKG, dass es „das entscheidende Problem im klinischen Alltag ist, dass sehr viele Migränebetroffene nicht ausreichend behandelt sind bzw. dass die Möglichkeiten der medikamentösen Prophylaxe nicht ausgeschöpft werden.“ Vor diesem Hintergrund forderte auch Prof. Diener im Rahmen der Neurowoche – insbesondere bei Therapieresistenz – eine neurologische Mitbetreuung Betroffener.

Als wirksam haben sich im Übrigen ausweislich der neuen Leitlinie auch nicht medikamentöse und insbesondere verhaltenstherapeutische Maßnahmen zur Migräneprophylaxe erwiesen. Diese reichen von Ausdauersport über Entspannungstechniken bis hin zur kognitiven Verhaltenstherapie. Ein neuer Ansatz ist außerdem die nicht-invasive Neurostimulation, bei welcher der Trigeminusnerv über Klebelektroden im Stirnbereich extern transkutan stimuliert wird. Auch wenn die Kosten hierfür derzeit nicht durch die Krankenkassen übernommen würden, sei dieses Verfahren gerade für Betroffene eine gute Option, bei denen aufgrund häufiger Schmerzmitteleinnahme ein Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz drohe, so Prof. Diener.

Neurowoche 2022 in Berlin: Aktuelle Highlights Teil I

Unter dem Dach des Berliner CityCubes fand im Rahmen der Neurowoche 2022 vom 1. – 5. November 2022 hybrid der 95. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gemeinsam mit der 47. Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropädiatrie (DGP) und der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN) statt.
Der größte Neurologie-Fachkongress Europas bot über 8.000 Teilnehmenden aus Klinik, Ambulanz und Forschung unter dem Motto  „Netzwerke in der Neurologie“ ein hochkarätiges wissenschaftliches Programm, an dessen Gestaltung auch die Junge Neurologie (JuNo) aktiv beteiligt war.  Wir präsentieren Ihnen einige der Highlights:

Von Christine Thilmann | 07.11.2022

Post-COVID – Fakt oder Fiktion?
Die wichtigste Botschaft der derzeitigen Erkenntnisse zu Post-COVID lässt sich knapp zusammenfassen: Regelmäßige Auffrischungsimpfungen verringern – selbst im Fall von Impfdurchbrüchen - das Risiko, Post-Covid zu bekommen und also auch über einen längeren Zeitraum nach der akuten Infektion noch unter Beschwerden zu leiden, - ausweislich einer Studie von 41,8 %  bei Ungeimpften auf bis zu 16 % bei Dreifach-Geimpften.
Schwierig bleibt jedoch die Diagnosestellung, weil sich das Post-COVID-Syndrom bislang in erster Linie durch die Krankheitssymptome wie Konzentrationsprobleme, Fatigue, Kopfschmerzen und psychiatrische Beschwerden definiert. So beschrieb Prof. Dr. Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Marburg und stellvertretender Präsident der DGN, die Problematik auf der Pressekonferenz der Neurowoche mit den Worten: „Post-COVID ist keine Fiktion, Fakt ist aber: Wir wissen noch immer wenig über die Entstehung und die Ursachen von Post-COVID.(..) Uns fehlen verlässliche Biomarker, und ohne Wissen um die Ursache und die Entstehungsmechanismen kann nicht an kausalen Therapien gearbeitet werden.“ Im Rahmen einer jüngst veröffentlichten Studie aus Essen ergaben sich keine konkreten objektiven pathologischen Befunde, wohl aber Hinweise darauf, dass Frauen mittleren Alters besonders häufig betroffen sind und vorbestehende Somatisierungsstörungen sowie frühere psychische Erkrankungen Risikofaktoren für Post-COVID zu sein scheinen. Gleichwohl sei dies nicht mit einer Psychologisierung der Erkrankung gleichzusetzen, so Prof. Dr. Timmermann, u.a. da zahlreiche Erhebungen – im Gegensatz zur Essener Studie – verschiedene objektive Auffälligkeiten bei Post-COVID-Erkrankten konstatieren: So konnte in Plasmaproben von Long-COVID-Patienten bis zu zwölf Monate nach der akuten Erkrankung das SARS-CoV-2-Spike Protein festgestellt werden; anderen Veröffentlichungen zufolge zeigten sich deutlich reduzierte Cortisol-Spiegel, eine T-Zell-Erschöpfung sowie eine spezielle „Proteom-Signatur“ im Blut von Betroffenen mit Langzeitfolgen. Durch die SARS-CoV-2-Infektion verursachte auffällige Veränderungen im Gehirn belegen schließlich Daten der UK Biobank: cMRT-Befunde vor und nach Covid-19 bei denselben Personen zeigen im Längsschnitt nach zwischenzeitlicher Infektion einen Rückgang der grauen Substanz im orbitofrontalen Kortex und in der parahippocampalen Region.

ME/CFS: Forderung nach groß angelegten, interdisziplinären Verbundforschungsprojekten
Fatigue, Schmerzen, Schlaf- und/oder Gedächtnisstörungen, - das Beschwerdebild der Myalgischen Enzephalomyelitis/„Chronic Fatigue Syndrom“ (ME/CFS) ist heterogen. Über Ursachen und Entstehungsmechanismen dieser - klinisch in das Spektrum der Neurologie einzuordnenden - Erkrankung ist wenig bekannt: Als Auslöser wird teilweise eine vorangegangene Virusinfektion vermutet. Es gibt jedoch weder eindeutige Biomarker noch evidenzbasierte Therapien, oft aber vorbestehende neuropsychiatrische Erkrankungen sowie zahlreiche Überlappungen mit Erkrankungen insbesondere aus der Rheumatologie, Endokrinologie, Infektiologie und Gastroenterologie. „Diese Schwierigkeiten sind aber letztlich kein Grund, an der Existenz der Erkrankung zu zweifeln, - auch wenn es natürlich eine extreme wissenschaftliche Herausforderung ist, eine solch heterogene und nicht klar abgrenzbare Erkrankung zu erforschen“, erklärte Prof. Dr. Harald Prüß, Direktor der Klinik für experimentelle Neurologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Sprecher der DGN-Kommission „Neuroimmunologie“, im Rahmen der Pressekonferenz der Neurowoche. Die DGN fordere daher groß angelegte, interdisziplinäre ME/CFS-Verbundforschungsprojekte, um systematische Grundlagen- und Therapieforschung betreiben zu können, wofür die Politik – entsprechend ihrem Versprechen im Koalitionsvertrag von 2021 – die Mittel bereit stellen möge. Um dem Leidensdruck und der Verzweiflung Betroffener abzuhelfen, werden vielerorts bereits Therapiestudien aufgelegt, wie z.B. die von Prof. Prüß im Verbund mit anderen Fachdisziplinen durchgeführte Studie zur Immunadsorption bei ME/CFS und Post-COVID-Fatigue. Ausgehend von der Hypothese, dass die Erkrankung autoantikörpervermittelt ist, werden hier mittels einer speziellen maschinellen Blutwäsche Autoantikörper aus dem Blut der Betroffenen gefiltert und gleichzeitig Auffälligkeiten im Blut oder in der Bildgebung gesucht. Daneben laufen deutschlandweit auch Studien zu anderen Therapien beispielsweise mit Immuntherapien, Steroiden und Antipsychotika. Eine vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ausgesprochene Empfehlung zu gesteigerter Aktivierungstherapie (GET) und kognitiver Verhaltenstherapie als Behandlungsoption werde von Betroffenen oft abgelehnt, weil sie ihre Erkrankung als psychisch missverstanden sähen, könne ihnen aber helfen, besser mit der Erkrankung zu leben und damit auch ihre Lebensqualität zu verbessern, so Prof. Prüß.

Neue Migräne-Leitlinie der DGN und DMKG: neue Substanzklassen, Stimulationsverfahren und Apps

Kurz vor ihrer Publikation steht die aktualisierte S1-Leitlinie zur „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, die von der DGN und der DMKG unter Beteiligung der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG) herausgegeben wird. Über ihre wichtigsten Punkte berichtete einer der federführenden Leitlinienautoren, Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen, im Rahmen der Pressekonferenz der Neurowoche. Zusammen mit den Leitlinienautoren PD Dr. Stefanie Förderreuther, München, und Prof. Dr. Peter Kropp, Rostock, sowie weiteren 31 Ko-Autoren hat er die vorhergehenden Leitlinienversion aus dem Jahr 2018 grundlegend überarbeitet. Die neue Leitlinie geht auf die medikamentöse und die nicht-medikamentöse Therapie ebenso ein wie auf psychotherapeutische Verfahren, enthält Empfehlungen zur Migräneprophylaxe, berücksichtigt aktuelle Entwicklungen u.a. in Form der Zulassung neuer Substanzen und enthält Hinweise zu unterstützenden Maßnahmen durch Smartphone-Apps und telemedizinische Angebote.

Zugelassen, wenngleich auf dem deutschen Markt noch nicht eingeführt wurden zur medikamentösen Migräne-Akutbehandlung Substanzen aus den neuen Substanzgruppen der Gepante (Rimegepant) und Ditane (Lasmiditan). Diese voraussichtlich zunächst hochpreisigen Medikamente kommen in Betracht, wenn klassische Schmerzmittel oder Triptane nicht ausreichend wirken oder kontraindiziert sind. Rimegepant wirkt - wie die bereits seit vier Jahren zur Migräneprophylaxe zugelassenen monoklonalen Antikörper - spezifisch am CGRP-Rezeptor und kann nicht nur für die Akutbehandlung, sondern oral (alle zwei Tage eine Tablette) auch prophylaktisch eingesetzt werden.

Bei häufigen Migräneattacken und zur Vorbeugung einer Chronifizierung durch den Übergebrauch von Akutmedikamenten empfiehlt sich eine Migräneprophylaxe. Hierfür stehen neben den klassischen Substanzen wie Betablockern, Topiramat, etc. seit 2018 die spezifischen monoklonalen Antikörper gegen CGRP bzw. seinen Rezeptor (Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab sowie neuerdings Eptinezumab) zur Verfügung, die bei Therapieresistenz, Kontraindikation oder Unverträglichkeit gegenüber den klassischen Prophylaxe-Medikamenten zum Einsatz kommen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern können. In diesem Zusammenhang erklärte PD Dr. Charly Gaul, Frankfurt, Generalsekretär und Pressesprecher der DMKG, dass es „das entscheidende Problem im klinischen Alltag ist, dass sehr viele Migränebetroffene nicht ausreichend behandelt sind bzw. dass die Möglichkeiten der medikamentösen Prophylaxe nicht ausgeschöpft werden.“ Vor diesem Hintergrund forderte auch Prof. Diener im Rahmen der Neurowoche – insbesondere bei Therapieresistenz – eine neurologische Mitbetreuung Betroffener.

Als wirksam haben sich im Übrigen ausweislich der neuen Leitlinie auch nicht medikamentöse und insbesondere verhaltenstherapeutische Maßnahmen zur Migräneprophylaxe erwiesen. Diese reichen von Ausdauersport über Entspannungstechniken bis hin zur kognitiven Verhaltenstherapie. Ein neuer Ansatz ist außerdem die nicht-invasive Neurostimulation, bei welcher der Trigeminusnerv über Klebelektroden im Stirnbereich extern transkutan stimuliert wird. Auch wenn die Kosten hierfür derzeit nicht durch die Krankenkassen übernommen würden, sei dieses Verfahren gerade für Betroffene eine gute Option, bei denen aufgrund häufiger Schmerzmitteleinnahme ein Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz drohe, so Prof. Diener.

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