Cluster-Kopfschmerzen (ICD10 - G44.0)

Bing-Horton Syndrom, Histaminkopfschmerz, Sluder Neuralgie, Hemicrania periodica neuralgiformis, Petrosusneuralgie

  • Erstbeschreibung 1840 Romberg
  • 1878 Eulenberg
  • 1939 Horton

Ätiologie

  • Unklar, diskutiert wird eine hypothalamische Störung bzw. der orbitalen Strukturen (Sinus cavernosus)

Epidemiologie

  • m > w, ca 4:15
  • Prävalenz ca. 50-330/100.0006,7
  • Erstmanifestation zwischen den 20.-40- Lebensjahr

Formen des Cluster Kopfschmerzes

Episodischer Cluster-Kopfschmerz

  • Clusterkopfschmerz Attacken, die mit einer Dauer von Tagen (nach IHS mind. 7 Tage) bis zu 1 Jahr auftreten und von schmerzfreien Episoden von > 3 Monaten Dauer unterbrochen werden
  • Cluster-Kopfschmerz mit autonomer Begleitsymptomatik
  • Cluster-Kopfschmerz ohne autonome Begleitsymtomatik (Siehe Rubrik Symptome)

Chronischer Cluster Kopfschmerz

  • Clusterkopfschmerz Attacken, die ein Jahr oder länger ohne Remissionsphasen auftreten oder mit Remissionsphasen, die weniger als 3 Monate anhalten.

Symptome

Cluster-Kopfschmerz

  • Lokalisation:
    • Einseitig, orbital, supraorbital und /oder temporo-parietal
  • Charakter:
    • Reißend, stechend, bohrend
  • Intensität:
    • Sehr starker bis unterträglich Intensität der Kopfschmerzen
  • Dauer:
    • Kopfschmerzattacke:
      • 15 Min. bis 3  Stunden
    • Cluster-Kopfschmerz Episode
      • Tage bis 3 Monate beim sog. episodischen Clusterkopfschmerz; bzw. über 1 Jahr - ohne Remission - beim sog. chron. Clusterkopfschmerz (siehe oben)
  • Häufigkeit:
    • Auftreten 2-8 x /die; bisweilen auch 1 Attacke jeden 2.Tag
  • Zeitliches Auftreten:
    • Typischerweise tageszeitliche Bindung mit Auftreten in der Nacht 1-2 h nach dem Einschlafen oft zur selben Uhrzeit oder auch zur gleichen Zeit tagsüber (meist nachmittags) und morgens nach dem Erwachen
    • In 50% der Fälle treten die Attacken aus dem Schlaf heraus aus
  • Begleitend motorische Unruhe (Umherlaufen (Pacing))

Autonome Begleitsymptomatik

  • Konjunktivale Injektion; Lakrimation
  • Kongestion der Nase, Rhinorrhoe
  • Starkes Schwitzen im Bereich der Stirn, seltener des Gesichtes
  • Ptosis, Miosis Lidödem
  • Völlegefühl im Ohr (in der Regel 1 der Symptome obligatorisch)

Cluster-Kopfschmerz ohne autonome Begleitsympromatik1,2

  • Selten Auftreten eines CK auch ohne autonome Begleitsymptomatik!
  • Intensität der Kopfschmerzattacken wohl vergleichsweise etwas geringer
  • Diagnosestellung anhand der anderen typischen Kriterien s.o.

Diagnosekriterien der Cluster-Kopfschmerzen der IHS

  • A. Mindestens 5 Attacken, die die Kriterien B bis D erfüllen
  • B. Starke oder sehr starke einseitig orbital, supraorbital und/oder temporal lokalisierte Schmerzattacken, die unbehandelt 15 bis 180 Minuten anhalten
  • C. Einer oder beide der folgenden Punkte ist/sind erfüllt:
    • Mindestens eines der folgenden Symptome oder Zeichen, jeweils ipsilateral zum Kopfschmerz:
    • Konjunktivale Injektion und/oder Lakrimation
    • Nasale Kongestion und/oder Rhinorrhoe
    • Lidödem
    • Schwitzen im Bereich der Stirn oder des Gesichtes
    • Miosis und/oder Ptosis
    • Körperliche Unruhe oder Agitiertheit
  • D. Die Attackenfrequenz liegt zwischen 1 jeden zweiten Tag und 8 pro Tag
  • E. Nicht besser erklärt durch eine andere ICHD-3-Diagnose

Klinische Untersuchung

  • In der Attacke autonome Symptomatik (s.o.)
  • Im Intervall unauffälliger neurologischer Status
  • Fundusspiegelung mit Frage Stauungspapille

Diagnostik

  • Anamnese!
    • Siehe unter "Symptome"
    • Cave: Cluster-Kopfschmerz auch ohne autonome Begleitsymptomatik möglich!
  • Klinische Untersuchung (s.u.)
  • MRT-Kopf
    • Bei Erstmanifestation erforderlich
    • Ausschluß Hypophysen-Tumor, bzw. Ausschluss  Raumforderung an der Hirnbasis
    • Entzündlicher Orbitaprozess?
  • MR-Angiographie
    • Arteriovenöse MAlformation?
    • Gefäßdissektion?
  • Therapieversuch mit Sauerstoffinsufflation - diagnostisch wegweisend
  • Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße
    • Duplexsonographie der extrakraniellen Gefäße
    • TCD (bei distalen Dissektionen gel. Amplitudendifferenz)
  • Gegebenenfalls auch Durchführung eines orbitalen Phlebogramms zum Nachweis eines entzündlichen Prozesses im Sinus cavernosus
  • Evtl.: diagnostisch Provokation durch Gabe von sublingualem Nitrolingual
  • Ggf. Liquor zum Ausschluß einer entzündlichen Ursache

Akutbehandlung des Cluster-Kopfschmerzes

- Detaillierte Informationen für Fachpublikum nach Login -


Nichtmedikamentöse Therapie

  • Inhalation von Sauerstoff
    • 7-15l/ Min. für die Dauer von mind. 15 Min.
    • Hohe Flussvolumen führen zu schnellerer Kopfschmerzreduktion
    • Inhalation muss auch nach Sistieren des Schmerzes noch etwas fortgeführt werden (Gefahr des Rebound-Kopfschmzeres)
    • Erhöhung der Sauerstoffkonzentration3
      • Inhalation über NON-Rebreather-Maske
      • Sauerstoff-Reservoirbeutel (z.B. Optimask)
        • Dtl. besser als nur Maske
        • Bis zu 80% Sauerstoffkonzentration
      • Ultraflow Oxygen demand valve
        • Vergleichsweise höchste Sauerstoffkonzentration
        • Bis zu 95% Sauerstoffkonzentration

Medikamentöse Therapie

  • Triptane mit subkutaner Gabe
    • Sumatriptan s.c. als Pen
      • Schnellster Wirkeintritt, sehr zuverlässige Wirksamkeit
      • Frühe Applikation
      • Beste Therapieoption, insbesondere für Attacken aus dem Schlaf heraus
      • Therapie wegen Schmertintensität meist alternativlos
  •  Triptane mit nasaler Applikation 
    • Sumatriptan nasal
    • Zolmitrtipan nasal
  • Triptane mit oraler Applikation 
    • Rasch wirksame Triptane verwenden (Eletriptan, Rizatriptan)
    • Hohe Dosen wirksamer
      • Eletriptan
      • Rizatriptan (Dosis off-label-usex)
      • Wirksam meist nur wenn Attacken tagsüber früh bemerkt und sofort behandelt werden
      • Bei unzureichender Wirksamkeit immer subkutane Applikation favorisieren
  • Lidocain nasal
    • 4% Nasenspray
    • Applikation bei 45° rekliniertem und 30° seitwärts zur betroffenen Seite geneigtem Kopf
  • Blockade des Nervus occipitalis major (Occipitalisnervenblockade)
    • Lokale Infiltration im Bereich des Nervus occipitalis
      • Anästhetikum
      • Kortison
        • Methylprednisolone oder
        • Dexamethasone
        • Triamcinolon
    • Lokalisierung ders Nervus occipitalois major:
      • Puls der Arteria occipitalis ca. 2 cm seitlich des Hinterhauptshöckers ertasten.  N. occipitalis major liegt genau medial zur Arteria occipitalis oder
      • Linie zwischen Hinterhaupthöcker und Warzenfortsatz bilden, Nervus occipitalis major liegt von Hinterhaupt gesehen am Ende des ersten Driittels
    • Intervalle individuell, wöchentlich bis mehrmonatig, Gefahr der Allodynie

Prophylaktische Therapie des Cluster-Kopfschmerzes

- Detaillierte Informationen für Fachpublikum nach Login -


  • Verapamil retard:
    • Retardiertes Präparat für Wirksamkeit gegen nächtliche Kopfschmerzattacken
    • Gelegentlich hohe Dosierungen bis 1200 mg/Tag erforderlich, dann möglichst  in 3 Einzeldosen
    • EKG Kontrollen vor jeder Dosiserhöhung erforderlich
    • Keine Gabe bei SA- oder AV-Block II. oder III. Grades, Sinusknotensyndrom, Vorhofflimmern/-flattern und gleichzeitigem Vorliegen akzessorischer Leitungsbündel (z.B. WPW-Syndrom), Herzinsuffizienz mi EF <35%
    • Verapamil ist laut Beschluss des gemeinsamen Bundesausschuss verordnungsfähig - GBA-Beschluß
  • Zur vorübergehende Prophylaxe:
    • Oral: Prednisolon über mindestens 5-7 Tage, danach langsame wirkungsabhängige Dosisreduktion mg Schritten, alternativ
    • Intravenös: 1-5 Tage Methylprednisolon
  • Alternativ:
    • Lithium initial 450 mg z.N., nach 1 Woche 2x450 mg/die (bis maximal 2x900 mg)
    • Spiegel: 0,6-1,0 mmol/l
    • Bei chronischem Cluster Kopfschmerz besser wirksam als bei episodischem Cluster-Kopfschmerz
  • Topiramat
    • Rasche Aufdosierung möglich
    • Bei episodischem Kopfschmerz bessere Wirkung als bei cCH
  • Gabapentin
  • Valproat
  • Frovatriptan
  • Naratriptan
  • Botulinumtoxin
    • Bei chronischem Cluster-Kopfschmerz
  • Methysergid: In Deutschland nicht mehr verfügbar
  • Verzicht auf Alkohol ( kann Attacken auslösen)
  • Galcanezumab
    • In den USA zur Behandlung des Clusterkopfschmerzes zugelassen
  • Atogepant 
    • Hinweise auf mögliche vorbeugende Wirkung beim Cluster-Kopfschmerz

Differenzialdiagnostik

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Isabel P Martins  1 , Raquel G Gouveia, Elsa Parreira. Cluster headache without autonomic symptoms: why is it different? Isabel P Martins  1 , Raquel G Gouveia, Elsa Parreira. Headache 2005 Mar;45(3):190-5
  2. Min Kyung Chu et al.Clinical features of cluster headache without cranial autonomic symptoms: results from a prospective multicentre study. Sci Rep 11, 6916 (2021)
  3. Petersen AS, Barloese MC, Lund NL, Jensen RH. Oxygen therapy for cluster headache. A mask comparison trial. A single-blinded, placebo-controlled, crossover study. Cephalalgia. 2017 Mar;37(3):214-224.
  4. Law S, Derry S, Moore RA. Triptans for acute cluster headache. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Jul 17;2013(7):CD008042. doi: 10.1002/14651858.CD008042.pub3. PMID: 24353996; PMCID: PMC6494511.
  5. Fischera M, Marziniak M, Gralow I, Evers S. The incidence and prevalence of cluster headache: a meta-analysis of population-based studies. Cephalalgia. 2008 Jun;28(6):614-8.
  6. Crespi J, Gulati S, Salvesen Ø, et al. Epidemiology of diagnosed cluster headache in Norway. (open access) Cephalalgia Reports. 2022;5. doi:10.1177/25158163221075569
  7. Sjaastad O, Bakketeig LS. Cluster headache prevalence. Vågå study of headache epidemiology. Cephalalgia. 2003 Sep;23(7):528-33. doi: 10.1046/j.1468-2982.2003.00585.x. PMID: 12950378.