
Differenzialdiagnostik bei Kopfschmerzen: Primärer oder sekundärer Kopfschmerz?
Die entscheidende Frage bei der Untersuchung von Patienten mit Kopfschmerzen ist die, ob es sich um Kopfschmerzen als Folge einer eventuell gravierenden Erkrankung handelt oder um primäre Kopfschmerzen, die allerdings ebenfalls für Betroffene eine schwere Beeinträchtigung haben können. Einige akut oder auch sich langsamer entwickelnde Kopfschmerzen können lebensbedrohlich sein, so auf sogenannte „Red Flags“ geachtet werden sollte, die Hinweise auf ebensolche Ursachen liefern können.
Wir haben einen Fragebogen zum Download erstellt, mit denen Sie bei Patienten ebendiese erfragen können.
Die wichtigsten Punkte beinhalten folgende Symptome, die sich an die SNOOP10-Kriterien1 orientieren.
- Finden sich Hinweise auf eine systemische Erkrankung wie Fieber, Gewichtsverlust, chronische Erkrankungen und Infektionen oder Malignome? (S)
- Zeigt die neurologische Untersuchung fokal neurologische Defizite, eine Nackensteifigkeit (Meningismus) eine Bewusstseinsveränderung oder – Bewusstseinstrübung oder ein Papillenödem? (N + P)
- Ist der Kopfschmerz akut aufgetreten wie ein Donnerschlag oder mit akuten Nackenschmerzen? (O)
- Tritt der Kopfschmerz erstmalig in höherem Alter auf? (O)
- Hat sich die Häufigkeit oder die Schwere der Kopfschmerzen geändert (z.B. Carotisdissektion mit persistierenden einseitigen Kopfschmerzen) (P)
- Sind die Kopfschmerzen lageabhängig? (Hinweise auf eine Liquorunterdruck nach Lumbalpunktion oder spontan bzw. Liquorüberdruck? (P)
- Wie ist die Dynamik des Kopfschmerzes. Nimmt die Symptomatik im Verlauf der Erkrankung zu und treten weitere Symptome hinzu? (P)
- Geht dem Kopfschmerz ein Trauma voraus? (Chronisches oder akutes Subduralhämatom, Dissektion von Vertebralis oder Carotis z.B. nach Schleudertrauma oder traumatische Subarachnoidalblutung) (P)
- Nehmen die Kopfschmerzen bei Husten, Pressen oder Niessen zu als Hinweise einer damit verbundenen Steigerung des Hirndrucks?(SDH oder auch Arnold-Chiari-Malformation) (P)
- Sind die Kopfschmerzen lageabhängig? (Hinweise auf eine Liquorunterdruck nach Lumbalpunktion oder spontan bzw. Liquorüberdruck? (P)
- Treten die Kopfschmerzen während oder nach einer Schwangerschaft auf ? (Eklampsie, Sinusvenenthrombose)
- Kann der Kopfschmerz eventuell auf eine überhöhte Einnahme an Schmerzmitteln zurückgeführt werden? (MOH) (P)
- Gehen die Kopfschmerzen mit autonomen Begleitsymptomen und Schmerzen im Bereich des Auges/der Augenhöhle einher? ( Entzündungen der Orbita wie Tolosa Hunt Syndrom, Sinus-cavernosus-Syndrom, Pathologie der hinteren Schädelgrube oder Hypophyse)
Die Abklärung der oben genannten Fragestellungen zeigt eine sehr hohe Sensitivität auf sekundäre Kopfschmerzen mit den jeweils genannten Fragestellungen, so dass eine weitere differenzialdiagnostische Abklärung sinnvoll und erforderlich ist.2
Wie sollte bei der Diagnostik von Kopfschmerzen vorgegangen werden?
- Zur Anamneseerhebung ist ein Kopfschmerzfragebogen (siehe oben) hilfreich
- Bei Erstvorstellung sowie bei einer Veränderung vorbekannter Kopfschmerzen sollte auf die "Red flags" geachtet werden. Auch ierzu ist der Einsatz eines Fragebogens hilfreich (Red flags Fragebogen)
- Eine ergänzende neurologische Untersuchung ist bei Erstvorstellung erforderlich, sowie wenn Patienten eine Änderung ihrer Kopfschmerzen berichten. Eine Fundoskopie sollte mit der Frage einer Stauungspaille immer erfolgen
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Äußerst wichtige Differenzialdiagnose, die unter keinen Umständen übersehen werden dürfen sind
- Bei älteren Patienten über 50 Jahre die Arteriitis temporalis, so dass sowohl bei neu aufgetretenen Kopfschmerzen immer eine Bestimmung von CRP oder eine BKS durchgeführt werden sollte. Eine Erblindung kann unbehandelt schnell auftreten.
- In jedem Alter bei akuten Nackenkopfschmerzen eine Subarachnoidalblutung oder bei begleitendem Fieber natürlich auch eine virale oder bakterielle Meningitis. (P)
- Carotisdissektionen mit einseitigen Hals-/Schläfen oder Nackenkopfschmerzen, die auch ohne Sympathikuszeichen wie ein Horner-Syndrom einhergehen können. Eine Gefäßdarstellung ist bei entsprechendem Verdacht unabdingbar, da eine Ultraschalldiagnostik falsch negative Befunde liefern kann.
- Eine Sinusvenenthrombose, die typischerweise mit zunehmenden Kopfschmerzen und fokal neurologischen Defiziten sowie im Verlauf epileptischen Anfällen einhergeht.
- Traumatisch bedingte Kopfschmerzen wie Subduralhämatome oder SABs.
Die folgende Liste gibt eine Übersicht über wichtige sekundäre Kopfschmerzen:
- Arteriitis temporalis (Riesenzellarteriitis)
- CADASIL (Häufig migräneartige Kopfschmerzen)
- Carotis- oder Vertebralisdissektion
- Glaukomanfall (Grüner Star)
- Hirntumor / Raumforderung (Tumoren der hinteren Schädelgrube)
- Hypertensive Kopfschmerzen (meist ab systolischen Werten <180 mm HG)
- Idiopathische intrakranielle Hypertension (Pseudotumor cerebri)
- Intrazerebrale Blutung / Schlaganfall
- Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜKS/MOH)
- Medikamentös induzierte Kopfschmerzen (PDE-Hemmer, Nitrate, Stimulantien, Kokain)
- Meningitis / Enzephalitis
- Posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES)
- Reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS)
- Sinusvenenthrombose
- Subarachnoidalblutung (SAB)
- Zerebrale Vaskulitis (Kopfschmerzen oft erstes und häufgstes Symptom)
Eine Übersicht über wichtige primäre Kopfschmerzen finden Sie in unserem Neurologienetz-online-Lehrbuch
Literatur
- Do TP, Remmers A, Schytz HW, Schankin C, Nelson SE, Obermann M, Hansen JM, Sinclair AJ, Gantenbein AR, Schoonman GG. Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology. 2019 Jan 15;92(3):134-144. (open access)
- García-Azorín D, Abelaira-Freire J, González-García N, Rodriguez-Adrada E, Schytz HW, Barloese M, Guerrero ÁL, Porta-Etessam J, Martín-Sánchez FJ. Sensitivity of the SNNOOP10 list in the high-risk secondary headache detection. Cephalalgia. 2022 Dec;42(14):1521-1531.
